Spinnstube

Projekt: „Spinnstube“

gefördert vom Land Sachsen-Anhalt

AKTUELL
Das Handbuch zum Projekt –
Spinnstuben als neues Veranstaltungsvormat. Erfahrungen und Tipps zum Selbergestalten. Handbuch hier zum herunterladen

Was ist eine Spinnstube?

Der Hauptgrund für den Brauch der Spinnstuben war die eintönige Arbeit des Verspinnens von Flachs und Wolle unter Ausnutzung vorhandenen Lichts und Heizung in Geselligkeit zu erledigen. Hauptteilnehmer waren die noch nicht verheirateten Mädchen und Jungen, wobei die Mädchen die Regie führten. Man traf sich nach dem Abendbrot in einem der größeren Häuser mit großem Tisch und Bank (um 1900: etwa 4 – 8 Jugendliche). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die Handspinnerei bereits durch Maschinen ersetzt worden war, wurde das Spinnen durch andere Handarbeiten ersetzt wie Stricken, Nähen, Häkeln, Federspleißen u.a.
Die „Lichtstubeneltern“ wurden in der Regel mit Naturalien entlohnt und boten ihrerseits Essen und Getränke (z.B. Kaffee, Kuchen) an.
Die „Spinnstube“ endete mit Spielen, Musik und Tanz. Verschiedentlich gab es Verordnungen, die dies regeln sollten. Letztendlich gab es in jeder Region, nahezu in jedem Ort andere Ausprägungen dieses Brauches.
Die „Spinnstubenzeit“ war zwischen Ende und Anfang des agrarischen Arbeitsjahres, also zwischen Martini (11.November) und Lichtmess (2. Februar).
Die Spinnstuben dienten nicht nur dem Broterwerb, sondern waren Nachrichtenbörsen und kritisches Forum.
Die letzten durchgeführten Spinnstubentreffen waren in Thüringen beispielsweise zwischen den beiden Weltkriegen. Für Sachsen-Anhalt fehlen leider entsprechende Untersuchungen zur historischen Spinnstube.
„Licht- oder Spinnstuben sind Orte einer sehr lebendigen dörflichen Kultur, die darauf abzielt, Arbeit und Leben miteinander zu versöhnen. Die Spinnstube wird abwechselnd auf dem einen oder anderen Hof abgehalten, die Frauen und Mädchen spinnen, die Burschen machen Musik, oder es werden Volkslieder gesungen, Hexen- und Gespenstergeschichten erzählt und allerlei Kurzweil dabei getrieben.“
(Meyers Konversationslexikon von 1888-1890)
„Von diesen Geselligkeiten sind weit über Mitteleuropa hinaus zahlreiche Volkserzählungen, historische Abbildungen und Spinnstubenlieder überliefert.“ (Meyers Konversationslexikon von 1888-1890)

Projektziel

Diese historische Arbeits- und Geselligkeitsform soll in einer modernen Adaption genutzt werden, um intergenerativ regionale Kultur sowohl in Handwerk als auch in Musik, Tanz, Erzählstoffen (in Mundart) vorzustellen und zu vermitteln.
Dabei gestalten alle Teilnehmer diese Veranstaltung mit – ein Gegenüber von „Künstlern“ und Zuschauern gibt es nicht. So werden Kinder und Erwachsene bereits in der Vorbereitung gleichermaßen aktiviert.
Bei Erfolg dieser Veranstaltungsreihe ließe sich diese in den nächsten Jahren auch in anderen Regionen Sachsen-Anhalts fortsetzen und könnte als Best-Practise-Beispiel im Sinne des immateriellen Kulturerbes angesehen werden.

Projektinhalt

Im Mittelpunkt steht die Entwicklung einer Veranstaltungsreihe, die zunächst für ein Jahr im ländlichen Raum erprobt werden soll. Als Territorium ist das nördliche Harzvorland, als ein besonders vom demografischen Wandel betroffenes Gebiet, vorgesehen. Das Besondere der Veranstaltungsreihe liegt in der Verbindung von Handarbeit mit der Vermittlung historischer Handwerkstechniken (z.B. einem Spinnkurs für Anfänger) und der Darbietung historischen Liedguts, Musik und Erzählstoffe. Es sollen die Teilnehmer die historische Kulturlandschaft zunächst des Harzes und des nördlichen Harzvorlandes vorgestellt bekommen. In Form von Lied-, Erzählgut und Spielen soll ein kindgerechter Zugang ermöglicht werden und damit ein tieferes Verständnis der Siedlungs-, Wirtschafts-, Sozial und Kulturgeschichte einer bestimmten Landschaft vermittelt werden. Auch Migranten und Flüchtlinge sind eingeladen, daran teilzunehmen.
In den jeweiligen Inhalten werden die kulturellen Wandlungsprozesse, wie sie unsere heutigen Vorstellungen von Tradition, Wandel und Kontinuität beeinflussen, verdeutlicht.
Das Bewusstwerden dieser eher wenig wahrgenommenen Überlieferungen stellt zudem auch die Grundlage für eine Bindung an die Region dar, die mit dem Begriff der regionalen Identität umschrieben werden kann.
Das vorhandene und sich ständig in Erweiterung befindliche Archiv des Zentrums HarzKultur stellt eine gute Basis für die auszuwählenden Themen und Materialien dar.

Die erste Phase des Projektes „Spinnstube“ war sehr erfolgreich. Von Mai 2016 bis Januar 2017 wurden im Harz und nördlichen Harzvorland vier Veranstaltungen durchgeführt. Diese wurden in einem Heft beschrieben und ausgewertet. Die Broschüre „Spinnstuben als neues Veranstaltungsformat. Erfahrungen und Tipps zum Selbergestalten“ kann ab jetzt gegen eine Gebühr beim LHB erworben (1€ zzgl. Versandkosten) oder hier heruntergeladen werden.
Das Projekt wird in diesem Jahr mit zwei weiteren Veranstaltungen fortgesetzt. Ansprechpartner ist dafür Juliane Bischoff.

Falls Sie zum Projekt allgemein, dem Format, den einzelnen Phasen oder den Inhalten Fragen bzw. Anregungen und Vorschläge haben, wenden Sie sich gern an den unten genannten Kontakt. Sie sind jederzeit herzlich willkommen!
E-Mail: spinnstube@lhbsa.de